Zeitzeugen

Manchmal sind es Zufälle, einen Blick in die Geschichte vor 80 Jahren werfen zu können. Der Abgedruckte Artikel versetzt uns in die Zeit nach 1945 mit der Vertreibung aus den „Ostgebieten“ in Folge des II. Weltkrieges. In einer Broschüre „70 Jahre Deutschordensschwestern im Kloster St. Nikola Passau – 70 Jahre Vertreibung der Deutschordensschwestern aus dem Sudentenland“ hat Sr. Walburga Niesner auf ihr Leben und die Vertreibung zurückgeschaut. Ihre Ankunft in Thüringen hat mit unserem Pfarrgebiet zu tun. So soll er hier wiedergegeben werden und wird bei einigen Gemeindemitgliedern Parallelen entdecken lassen.
Sr. Walburga Niesner (Mädchenname Christina) ist am 21 Dezember 1929 in Römerstadt Sudentenland geboren. Sie schreibt:

„Schließlich landeten wir in Thüringen in dem kleinen Dorf Marolterode bei Schlotheim. Meine Eltern und Anni wurden in einem erbärmlichen Quartier untergebracht. Liesl und ich landeten bei anderen Bauern in einer Kammer. Mein Vater fand nach einigen Wochen Arbeit in einer Treibriemen-Weberei als Handweber in Schlotheim für einen Wochenlohn von 18 Reichsmark. Weil immer mehr Vertriebene kamen, wurde uns fünfen beim großen Bauern Überhagen ein Zimmer zugewiesen, möbliert mit zwei Betten, dazwischen ein Tisch, die Betten dienten auch als Sitzgelegenheit. Stühle hatten keinen Platz. Ein kleiner Herd stand am Gang vor der Tür.
Ab Herbst 1945 besuchte ich in Schlotheim, ca. drei Kilometer entfernt, mit Anni die Oberschule. Mit Schrecken stellten wir Vertriebenen fest, dass die Bevölkerung evangelisch war, aber weit und breit keine katholische Kirche existierte.
Ein Kaplan aus der Pfarrei Mühlhausen feierte jeden zweiten Sonntag am Nachmittag in der evangelischen Kirche in Schlotheim eine Heilige Messe. Er stammte aus Erpel am Rhein, in der Erzdiözese Köln und war mit den Bombengeschädigten nach Thüringen gekommen. Diese waren in ihre Heimat heimgekehrt. Er war geblieben, da er die große Not sah.
Dieser Kurat Heribert Böttcher betreute uns Katholiken in den 32 Orten, in denen sich die Vertriebenen aus dem Osten ansammelten. Mit viel Engagement begann er, eine Kirchengemeinde aus den verstreuten Flüchtlingen aufzubauen. Bald füllte sich das evangelische Gotteshaus in Schlotheim an den Sonntagnachmittagen mit katholischen Gläubigen.
Im Februar 1946 wurde uns endlich ein menschenwürdiges Zimmer in Schlotheim zugewiesen. lnzwischen verschlimmerte sich die Versorgung mit Lebensmitteln immer mehr. Diese Lage verschärfte sich sehr im kalten Winter 1946/47. Im Sommer hatten wir durch Ährenlesen einen Zentner Getreide gesammelt. Körner wurden gekocht, zweimal durch einen geliehenen Fleischwolf gedreht und als Brei gegessen.
Leider spendete der mit Braunkohlen beheizte Kochherd keine Zimmerwärme. Wir waren gezwungen auf den Füßen zu sitzen. Trotzdem bekamen wir Frostbeulen an den Füßen und Händen. Als im Frühjahr 1947 der Hunger kaum zu ertragen war, traf das erste Hilfspaket von Onkel Johann aus Amerika ein.
Der Schulalltag verschlechterte sich ebenfalls. Lehrer wurden entlassen, weil sie Parteigenossen waren. An deren Stelle traten Personen, die dem kommunistischen Regime genehm waren, jedoch keine Lehrerausbildung für heren Schuldienst besaßen. Lehrbücher gab es keine. Nach der 11. Klasse verließ ich deshalb die Schule.
lch hatte beschlossen, bei den Deutschordensschwestern in Passau einzutreten. Meine Tante, Sr. Walburga, meldete mich bei der Frau Provinzoberin Sr. Amata an. Aber wie konnte ich dorthin gelangen? Auf abenteuerliche Weise brachte mich Herr Kurat Böttcher am 8. September 1947 von Mühlhausen über die streng bewachte Grenze bis nach Eschwege. Am 10. September 1947 traf ich am Passauer Bahnhof ein. Das Nikolakloster erfragte ich. Doch meine Schritte wurden immer langsamer, als ich das bezeichnete Gebäude sah, die ruinöse Somme-Kaserne.
Umkehren konnte ich nicht; alle Brücken hatte ich abgebrochen. lch sah kein Kloster, wie ich es von Freudenthal kannte; mich empfing ein überfülltes Flüchtlingslager. Aber ich war glücklich dort zu sein, wo ich hingehörte.
Wie ging es meinen Eltern und Schwestern in der russischen Zone? Liesl fand Arbeit in der Fabrik als Stopferin. Anni besuchte die Oberschule. Im sozialistischen Schulsystem wurde vor allem in der höheren Schule verlangt, sich auch politisch zu beteiligen. Als aufrechte Katholikin kam für sie ein Eintritt in die FDJ nicht in Frage. Vom Schulleiter wurde sie des Öfteren aufgefordert, sich für den sozialistischen Staat einzusetzen. Beim Unterricht wurde sie zurückgesetzt und benachteiligt, auch von außerhalb der Schulzeit stattfindenden Lernaktivitäten ausgeschlossen. Schließlich erklärte er ,,solche Elemente" nicht zu dulden und verweigerte ihr die Ablegung des Abiturs. So verließ sie im Oktober 1949 die Schule und trat eine Lehrstelle als kaufmännischer Lehrling an und legte 1951 die Prüfung als Industriekaufmann ab. In dieser Eigenschaft arbeitete sie weiterhin in diesem Betrieb.
Ihre freie Zeit füllte sie damit aus, dem Kurat Böttcher beim Aufbau der katholischen Gemeinde zu helfen. Viel war sie mit dem Fahrrad in den Ortschaften unterwegs. Sie trug sich mit dem Gedanken, sich als Bilanzbuchhalterin zu qualifizieren. Da kam es zu Auseinandersetzungen mit der Betriebsgewerkschaftsleitung. lnzwischen war durch die Währungsreform 1948 in den westlichen Besatzungszonen die Spaltung in Ost und West begründet und 1949 in der Bildung der 

Bundesrepublik und der DDR zementiert worden. Mit Rücksicht auf meinen seit 1951 an einem schweren Herzleiden erkrankten Vater versuchte sie diese Sperrung zu ertragen.             
1957 kehrte meine Schwester Elisabeth von einem Verwandtenbesuch in der BRD nicht zurück: Anni sollte ihre Rückkehr veranlassen, andernfalls haftbar gemacht werden. Um dem Schlimmsten zu entgehen, verließ sie am 25. Juli 1957 ihren kranken Vater und nahm Wohnsitz in Düsseldorf. Dort erfüllte sie sich ihren Berufswunsch der Bilanzbuchhalterin. Als mein Vater im Januar 1960 plötzlich verstorben war, verließ meine Mutter die DDR über Berlin mit dem Flugzeug. Anni nahm sie mit Freuden auf.
Wenn ich die Jahrzehnte zurückschaue, stelle ich fest: In all den schweren Zeiten, Tagen und Stunden spürten wir Gottes gütige Hand. Er war es, der uns stets begleitete. Ihm sei von Herzen gedankt für seine väterliche Fürsorge.“
Ihre zwei Geschwister heißen Elisabeth und Anna, die namentlich im Artikel vorkommen.
 

Aus: „70 Jahre Deutschordensschwestern im Kloster St. Nikola Passau – 70 Jahre Vertreibung der Deutschordensschwestern aus dem Sudentenland“; „Der Herr ist mein Hirte“ – Von den Wurzeln in die Zukunft, Deutschordensschwestern Passau, 2. Auflage 2023, Seite 59-62.

Pfr. Andreas Anhalt

 

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